Gefährliche Tage

Es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, sich des eigenen desolaten Zustands bewusst zu werden. Ich jammere nicht, wäge aber die taktische Lage ab. Wenn in baldiger Zukunft eine Auseinandersetzung drohte, ein, zwei Schläge würde ich nehmen können, mehr Zeit hätten Rhuriel und Marielle nicht, um entweder dem Gegner den Garaus zu machen – Marielles Aufgabe in diesem Fall – oder um sich beide in Sicherheit zu bringen. Meine Wunden machen sich beim Nachdenken bemerkbar. Ich befürchte, dass die Ressourcen unserer Gegenspieler die unseren übersteigen. Denk' nach, Tenuriel.


Wir stehen noch in der Lichtung, wo wir diesen großen Käfer, oder was es auch gewesen ist, bekämpft haben. Die sicherste Option, die Rückkehr nach Innsbruck, äußere ich nicht. Wenn das der Tag sein soll, dann sei das so. Ich schlage vor, im Dickicht des Waldes nach einer geeigneten Deckung zu suchen, um auf die Gruppe von Männern zu warten, nach denen wir suchen. Marielle steigt auf, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen und kehrt mit der Aussage zurück, dass sich hier praktisch überall eine sehr gute Deckung böte - und mit dem Zusatz, dass sie einen Pfad von oben gesehen hätte, der ihr am Boden nicht aufgefallen sei. Letzteres ist dem ringsum aufgewühlten Waldboden geschuldet. Also erweitern wir unsere kleine Odyssee um die Episode dieses Trampelpfads. Wirklich breit ist er nicht und erst recht nicht einfach zu folgen, bei dem dichten grünen Gras, in das er von Füßen getreten wurde.


Marielle führt uns, nach außen hin erblüht sie regelrecht in ihrem Element, der Natur. Wäre es zu dispektierlich einen Kiefernzweig abzubrechen und immer dann zur Ablenkung hoch zu halten, wenn sich ein weiterer Streit zwischen Rhuriel und Marielle anbahnt? Na, ich sollte mich auf dem Weg konzentrieren, der Tritt gegen einen Stein hat ganz schön weh getan. Unerwartet macht es irgendwo klick. Als weiteren Schritt der sich ankündigen Kettenreaktion sagt Marielle, das sie mit dem Fuß eine Schnur berührt habe. Ein wunderbarer Tag wird immer besser! Ich steige in die Luft, da mein erster Gedanke in die Richtung geht, Marielle fliegend zu packen und so aus der möglichen Gefahrenzone zu schaffen. Rhuriel tritt unterdessen hinter einen Baum. Oben in der Luft überlege ich mir mein Tun noch einmal und lande wieder, aber näher bei Marielle. Die Schnur führt von ihrem Fuß bis zu einem Kasten aus Metall und läuft durch eine Öffnung in diesen hinein. Mir gelingt es, den Kasten ohne schlimme Auswirkungen für Marielle und mich aus seiner Verankerung zu heben, woraufhin ich ein blickendes gelbes Licht an seiner Unterseite sehe. Es gelingt mir nicht, die Schnur so auf Spannung zu halten, das der erwartet nachteilige Effekt ausbleibt, sobald die Schnur sich um Marielles Fuß entspannt. Es ist wieder an der Frau mit den zwei Gesichtern, Rhuriel, die denkbar einfachste Lösung für unser Dilemma zu präsentieren. Ein simpler Stock, der als Ersatz für Marielles Fuß fungiert, rettet uns schlussendlich.


Wir setzen unseren Weg fort und blicken in das Tal, in das uns der Pfad führt. Zu beiden Seiten steigen die Berghänge an. Links sehe ich eine Reflexion an einer Stelle des Hangs, der leicht nach außen gewölbt zu sein scheint. Fast gleichzeitig wir Marielles Flügel von etwas getroffen, so dass zumindest einige Federn abgetrennt werden. Ein schnelles Projektil, etwas anderes kann es nicht gewesen sein. Ich sehe das als mein Stichwort an, um dem Schützen meine Aufwartung zu überbringen. So fliege ich los, während sich Rhuriel und Marielle defensiv günstigere Positionen suchen. Recht schnell erreiche ich die vermutete Position des Ketzers und sehe so eine Bunkeranlage die in Blickrichtung auf unseren Pfad nur mit einer schmalen horizontalen Schießscharte versehen ist. Auf der anderen Seite des Bergrückens entdecke ich den Zugang zu diesem von Menschenhand gebauten Konstrukt. Ein Sprung hinein misslingt, so dass ich mich wie auf dem Präsentierteller für den zweiten Schuss lang mache. Das Glück kehrt zu mir zurück und ich kann den Schützen mit einem gezielten Stich ausschalten, bevor er seine Waffe erneut bereit machen kann.


Als die beiden anderen ankommen, habe ich diesen Wachposten schon oberflächlich untersuchen können. Die Getreidefladen kann ich zwar finden, die technischen Instrumente aus der Zeit davor hinter einer Abdecktafel harrten jedoch wieder aus, um durch Rhuriels Augen gefunden zu werden. Die Abdecktafel offenbart den Blick auf drei Lichter, von denen das grüne und rote beständig, das dritte und gelbe blinkend leuchtet. Darüber hinaus sind auf dem Panel, in das die Lichter einfasst sind, diverse Schalter zu sehen. Eine Stimme ertönt und verlangt zu wissen, wie der aktuelle Status der Posten, unseres inbegriffen, wäre. Ich drücke auf einen Schalter und die Stimme ist weg. Ich lasse den Schalter los und die Stimme ist wieder da. Gut möglich, dass ich auf den Schalter drücken muss, um zu antworten. Ich probiere das aus und täusche vor, dass – eine Welt für eine Zahl! - bei Gruppe 3 alles alles bester Ordnung sei. Der Versuch scheitert jedoch und die Frage wird über den Apparat gestellt, wer am anderen Ende der Leitung sei. Da kommt mir ein der Einfall, dass sofern ich den Feind nicht täuschen, ich ihn zumindest verwirren oder verängstigen kann. Deshalb setze ich pflichtschuldig die Männer vor dem anderen Apparat davon in Kenntnis, dass ich sie zur Strecke bringen werde. Rhuriel und Marielle mag das mit Unverständnis erfüllen, aber ein wenig grimmiger Spaß muss schon erlaubt sein.


Nachdem wir uns kurz geordnet haben, geht es weiter auf dem Pfad. Leider mündet der nach geringer Zeit in sein Ende. Wir stellen vor einer aufsteigenden Bergflanke. Rhuriels Augen erspähen einen getarnten Eingang in den Berg. Ein Netz aus Ästen und Grünzeug tarnt ein Tor. Ich zerschneide es mit dem Flammenschwert, Marielle manipuliert das Schloß und schon steht uns der Stollen dahinter offen für weitere Erkundungen. Eine Explosion ist zu hören, aber trotz der dadurch ausgelösten Anspannung eilen wir in den Berg hinein. Gleich rechts am Eingang steht ein einfacher Karren, in dem fein gearbeitete Roben liegen, von denen penetranter Schweißgeruch ausgeht. Vor uns befindet sich eine weitere Tür, daneben ein Fenster durch das ein Feuer im rechten Bereich des dahinter liegenden Raumes zu sehen ist. Marielle öffnet erneut die Tür und tritt in diesen Raum hinein. Zusammen mit der frischen Luft treten aus dem Qual des Feuers Flammenzungen heraus, die Marielle leicht im Gesicht versengen. Ich halte mich währenddessen zurück, viel werde ich schließlich heute nicht mehr einstecken können. Rhuriel prescht an mir vorbei und folgt Marielle. Das ist mir Anlass genug, um ebenfalls den Raum zu betreten. Dort sind fünf größere Zylinder zu sehen, die beide meiner Scharmitglieder schon eifrigst untersuchen. Ich stutze vor dem ersten Zylinder, in dem sich ein toter Engel befindet, dessen Haut schon grau erscheint. Ich möchte ihn aus seiner schrecklichen Lage befreien und versuche, die Flüssigkeit abzulassen. Das gelingt mir aber nur bis zu dem Punkt, an dem mir der eklige Geruch der abfließenden Substanz in die Nase sticht. Ich drehe das zuvor von mir geöffnete Ventil zu und versuche unter dem Eindruck der sich schon übergebenden Marielle das Glas so zu zerschlagen, dass ich dem Engel habhaft werden kann. Ich scheitere. Der Zylinder zerplatzt und der Engel fällt direkt in die Scherben. Er ist nur noch eine Hülle. Was meine Aufmerksamkeit aber erregt, ist das Symbol der Samaeliten, das er mit sich führt. Ich möchte es nehmen, muss mich bei dem Versuch wie Marielle zuvor schon übergeben. Rhuriel nimmt das Symbol an meiner statt.


Aufgrund der Hitze platzt zu dieser Zeit ein weiterer Zylinder von allein auseinander und gibt einen weiteren Engel, dieses Mal lebendig und an Schläuchen befestigt, preis. Marielle kümmert sich um ihn, während ich kurz den Raum verlasse und erst wiederkehre, nachdem ich mich gefasst habe. In einer Kurzschlussreaktion fasse ich den Entschluss, diesen Engel nach draußen zum Wagen und somit heraus aus dem ganzen Rauch zu tragen. Dass Schläuche in seinem Körper stecken, übersehe ich dabei im Eifer des Gefechts leider. Bis auf den Fakt, dass er Korell heißt kann er sich an nichts mehr erinnern. Wie er hier her komme, weiß er nicht, ebenso wenig, woher er stamme und was mit seiner Schar sei. Ich bitte Rhuriel, sich um ihn zu kümmern, während Marielle und ich weiter diesen Stollen erkunden.


In einem weiteren Raum stoßen wir auf Metallwannen mit Kindern, die in einer Flüssigkeit schwimmen. Die Kinder scheinen tot zu sein. Jedoch, kleine Flügelansätze am Rücken und blasse Tätowierungen künden von der himmlischen Herkunft. Die Zeichen deuten darauf hin, dass es sich bei den Kindern im vermuteten Alter zwischen drei und vier Jahren um Ramieliten handeln könnte, obwohl die äußeren Form nur als bizarr zu beschreiben ist.


Auch eine weitere Tür ist kein Problem für Marielle. Dahinter liegt ein längerer Gang. Vereinzelt stehen Kisten und andere Ausrüstung herum. Aus dem Halbdunkel tritt eine Gestalt an uns heran, der das Schicksal mehr als einen Streich gespielt haben muss. Die Groteske eines Körpers vermittelt den Gedanken, dass sich die Kreatur nur mit Schmerzen bewegen kann und schlicht weiter vegetieren wird, bis jemand ihr Leiden beendet. Wortlos macht sie mich zu ihrem Erlöser und tritt in den Zustand vergessender Pein über. An was für einem Grenzpunkt befinden wir uns, wer tut so etwas – und könnte uns ähnliches drohen? Weitergehen, nicht nachdenken.


Die Spannung treibt Rhuriel und Korell zu uns. Zu viert hören wir, wie aus dem Raum, der sich an den Gang anschließt, ein metallisches Geräusch zu uns vordringt. Wir können dank Marielle in einen weiteren Raum eintreten und bemerken eine tonartige Substanz unterhalb einer erleuchteten Segmentanzeige, auf der eine wertmäßig abnehmende Zahl abzulesen ist. Zusammen mit dem nun zu hörenden Alarmgeheul folgere ich, dass hier Spuren mittels was es auch immer ist, vertuscht werden sollen. Ich trenne die Segmentanzeige oder Uhr, von der Masse darunter. Da Marielle die nächste Tür nicht wie bisher öffnen kann, versuche ich die Masse dazu einzusetzen, wobei mich Rhuriel in der genauen Anwendung der beiden Komponenten korrigiert. Die Tür wird freigesprengt und wer auch immer erwartet hat, dass wir von dieser Tür kehrt machen würden, ist damit eines besseren belehrt.


Der Gang verjüngt sich, da sich an seiner linken Seite eine Reihe von Zellen befinden. Gleich in der ersten finden wir einen weiteren Engel, Rahel. Sie kann sie ebenso wie Korell nicht an die Ereignisse erinnern, die sie hierher gebracht haben. Im Gegensatz zu Korell ist sie in eine Robe gekleidet. Sie erzählt von Experimenten und Schmerz, die an diesem Ort ihren Alltag bestimmt haben. Ich möchte es mir nicht vorstellen.


Korell stellt indes fest, dass in den anderen Zellen sehr geschwächte Traumsaatkreaturen zu finden sind. Da ich keine unmittelbare Gefahr von den Kreaturen ausgehen sehe, überlasse ich ihm das Töten der Biester. Ich ernte zwar einige Blicke, aber warum eine Verletzung riskieren, wenn wir hier noch nicht mal das Ende des Tunnels erreicht haben?! Er führt sein Ansinnen mit einem wohl von Rhuriel erhaltenen Dolch zu Ende. Plötzlich öffnet sich eine andere Tür und zwei weitere noch sehr lebendige Traumsaatkreaturen treten heraus. Sie erinnern in der Form an Käfer, die in etwa die Größe von kleineren Hunden aufweisen. Trotz der ersten Aufregung gelingt es mir, die zwei mit zwei Schlägen meiner verlängerten Seele niederzustrecken. Durch den Kampf fällt unser Blick auf eine durchsichtige Tür im hinteren Bereich des Raums. Sowohl Marielles Finger- wie meine Schwertfertigkeiten reichen nicht aus, um die Tür zu überwinden. Korell kommt aus irgend einem Grund auf die Idee die Tür mit den Absonderungen der beiden Käfern in Kontakt zu bringen, aber er schafft es nicht ganz, einen der Käfer an die Tür zu werfen. Da er sich die Hand, soweit ich es sagen kann, bei dieser Aktion verätzt hat, meine ich seinen Plan zu erkennen und werfe den Käfer die restliche Strecke. Es funktioniert, der Käfer zerstört einen Großteil der Tür, durch die Überreste schlage ich mich mit meinem Flammenschwert durch.


Der Weg ist frei in ein Labor, in dem es nach Mandeln riecht. In der Mitte steht ein Tisch, darunter eine der schon bekannten Metallwannen. Etwas liegt auf dem Tisch unter einer Decke. Ein Mensch sehr wahrscheinlich. In einer nicht durch die Glastür einsehbaren Ecke des Raumes liegen die Ketzer, die sich selbst gerichtet haben müssen, so fällt zumindest Rhuriels Urteil aus, nachdem sie Glassplitter von Ampullen auf deren Zungen entdeckt. Ihre Kleidung sieht fremdländisch aus. Vor allem der Helm des einen weist eine exzentrische Krempe auf. Ich durchsuche den Raum nach Papieren, Ordnern und Dokumenten. Diese Ketzer werden ihren Plan in Zusammenarbeit mit jemand anderem durchgeführt haben. Und der würde vermutlich gerne genaue Ergebnisse sehen wollen. Obwohl sie den Versuch unternommen haben , die Papiere zu verbrennen, gelingt mir die Rettung einiger Blätter. Da wir inzwischen in Erfahrung gebracht haben, dass es sich bei Rahel um eine Ramielitin handelt, überlasse ich ihr die Dokumente, um sie uns vorzulesen.


Kurz zusammengefasst lässt sich der begangene Frevel auf folgendes Ziel reduzieren: Pervertierung eines Engelskörpers durch die Implantation von Traumsaatorganen. Das ist... das ist... was für ein Geist kommt auf so etwas? Wie tief in der Gosse muss man leben, um das überhaupt als Idee zu formulieren? Dass das hier in Innsbruck geschieht, kein Wunder Rob kümmert sich selbst ja nur um die falschen Tunnel. Dieser schwächliche Primat. Dem Hybriden auf dem Tisch können wir leider keine Hilfe zukommen lassen, da er zu geschwächt ist und Rhuriel das Gift, das ihm vor kurzem verabreicht wurde, nicht mehr neutralisieren kann. Ich komme ein weiteres Mal meiner Aufgabe nach und erlöse auch ihn.


Dann müssen wir fliehen, da ein weiterer Alarm zu hören ist, der in unseren Augen eine Explosion größeren Ausmaßes ankündigt. Auf dem Weg nach draußen halt ich die an der kaputten Glastür entlang herunterfahrende Schutztür zusammen mit Korell solange fest, bis die übrigen Engel aus dem Labor verschwunden sind. Dann folgen Korell und ich auch. Draußen hat sich eine kleine Lache mit der aus den Käfern ausgetretenen Flüssigkeit gebildet, ich gerate beim Überspringen hinein und dann wird alles schwarz für mich.

20.1.08 19:20

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