Entflammte Kunst

Wir ruhen uns in der Nothütte aus. Ein am Giebel hängendes Engelskreuz deutet darauf hin, dass die Balken manchem glaubensfesten Mann ein Heim für die Nacht geboten haben. Ich leide starke Schmerzen und versuche ihnen mit der bekannten Blätterkur, der ich seit Nürnberg regelmäßig fröne, Herr zu werden. Die Schattenspringer haben mir in der Tat mehr zugesetzt, als ich es erst gedacht habe. Da die Zeitler sich dazu entschlossen haben, in unmittelbarer Reichweite zu uns die Nacht zu verleben, nutze ich ein Gespräch mit ihrem Anführer Gerd dazu, mich von meinen Schmerzen abzulenken. Ich zeige mich erstaunt darüber, dass die Zeitler so weit von Nürnberg operierten. Gerd verweist in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass das segensreiche Gabrielsland von den Horden der Traumsaat verschont ist aufgrund der getroffenen Maßnahmen unseres Ordens. Aus diesem Grund, müssen die Zeitler weite Wege zurücklegen, um den sich übenden Gabrieliten noch etwas bieten zu können. Welch schwere Aufgabe diese Templer tragen.


Mein Gespräch mit Gerd nutzen Rhuriel und Marielle für einen Dialog, der sich in eine angeregte Diskussion und schließlich in einen ausgewachsenen Disput wandelt. Gerd verlässt unsere Notunterkunft und ich frage, was denn überhaupt der Kern dieses Crescendos wäre. Es ginge um Rhuriels und meinen Konsum bestimmter Substanzen. Ich sehe darin nicht das Problem, versichere aber, diesen Aspekt einer kritischen Prüfung zu unterziehen und mich einzuschränken.


Am nächsten Morgen tritt ein Zeitler an Marielle her und bittet sie, den Zeitlern etwas von ihren Künsten am Bogen zu zeigen. Und wenn Marielle eine Sache beherrscht, dann das. Als wäre es einen Sehne ihres eigenen Körpers spannt sie ihren Bogen und verschießt einen Pfeil mittels ihres Bogens als Exempel für eine unbedingte Präzision. Den Zeitlern kann sie weiterhin verschiedene Kniffe auf den Weg geben, dann trennen sie die Wege von uns Engeln und den Zeitlern. Wir schwingen uns hinauf in die Lüfte des neuen Morgens.


Nach Innsbruck ist es nicht mehr weit. Wir überfliegen die letzten Bergrücken, um dann die Stadt vor uns zu sehen. Sie liegt in einem Tal und wird von dem namensgebenden Fluss durchströmt. Eine Straße führt nach Norden Richtung Gabrielsland. Eine weitere nach Süden direkt hinein in Michaelisland. Und eine führt wieder zu den unsteten Wirrköpfen der Ramieliten nach Osten. Von Nahem betrachtet, zeichnen sich feine Ornamente, Fresken und Verzierungen, bunte Farben einer ganzen Farbpalette ab. Ich beginne zu staunen. Aber liegt vor uns nicht auch die Stadt, die so arg um Beistand ersucht hat, weswegen wir hier sind?


Als wäre es schon die pure Routine, landen wir auf der Plattform, die in einem Anbau der Kirche angebracht ist. Ein wirklich fahriger Mensch begrüßt uns. Er trägt seine Kleidung auf eine sehr spezielle Weise. Anstatt den Stoff seine ausladenden Robe die Chance zu geben Falten zu bilden, liegt seine Kleidung eng an, durch Schnüre wie einen leicht abgewandelten Schnitt bewirkt. Es gelingt nicht vielen Menschen der Kirche, mich in Erstaunen zu versehen, aber durch seine flamboyante Art verstört er mich. Ich stelle die Schar vor und lasse nach Erzbischof Rob bitten. Der Kauz, er stellt sich als Rutger vor, merkt an, dass der Erzbischof zu dieser Stunde verhindert wäre. Dann spielt er weiter mit seinen Kinderfarben herum. Malt er jetzt etwa Aquarelle gegen die eigene Angst? Was für ein Dummkopf. Ich höre ein Säuseln aus der Kammer, die nur dem Erzbischof ein Heim bieten kann und gehe geschwind darauf zu. Marielle fragt mich, was ich vorhätte, aber mir langt es nur noch. Ich öffne die Tür und blicke in eine Schatzkammer. Was ich erblicke, ist schwer in Worte zu fassen, aber gleichzeitig auch nicht, ist es doch vor allem mannigfaltig in den Sagenbüchern beschrieben worden, die für eine jüngere Leserschaft verfasst wurden und an denen ich mich von Zeit zu Zeit auch gerne erfreute als ich noch in Nürnberg weilte. Der Raum platzt hier aus allen Nähten. Bilder reihen sich an Statuen, reihen sich an Skulpturen, reihen sich wieder an Bilder. Ein Taumel für die Augen. Aber da im Bett, der Erzbischof und – ein weiterer Mann. Ich kehre aus den Abenteuerlanden zu meinem Auftrag zurück. Meine Gesichtszüge werden zu harten Linien, als ich ihn anfahre. Marielle fasst allem Anschein die Szenerie weit weniger schmachvoll auf. Währenddessen klage ich den Erzbischof an, was er sich denke, dass er sich gar nicht über die Konsequenzen seines Lotterlebens im Klaren zu sein scheint und all die anderen Argumente, die mir in den Kopf schießen, wo ich einen Stein aus dem Firmament der Kirche brechen sehe. Es reicht mir, Knappe Personen wie der des Erzbischofs zu sein, der meine Schar und mich als Laufburschen einsetzt, während er sich mit seinem Lustburschen hier vergnügt. Langsam, langsam beginnt mein Zorn zu sinken. Ich habe meinen Protest zum Ausdruck gebracht und dadurch dokumentieren lassen, dass Rob allen Ernstes eine Protestnote seinerseits nach Nürnberg schicken möchte, um sich über mein Verhalten zu beschweren. Alles sei hier anderes als in Nürnberg gelagert, hier, wo die Künste und die Profession der Artisanen gefeiert würden, poltert Rob. Dann stoßen wir zur Essenz unserer Anwesenheit vor.


Im Süden und im Osten komme es immer wieder zu Übergriffen auf Lederer, denen neben ihren Waren auch ihr Leben abgenommen wird. Auch die Anwesenheit der sie als Sicherheit begleitenden Zugvögel ließe die Folge von schlimmen Überfällen nicht abreißen. Ich nüchtere meine Abscheu gegenüber Rob aus und erkläre, dass wir uns um die Hintergründe kümmern würden. Marodierende Räuber würde es hier bald nicht mehr geben. Dann verlassen wir diesen Abort und gehen in die Stadt, um Erkundigungen einzuziehen.


Auch in der Stadt begegnen uns Farben, Girlanden und bunte Ornamente überall. Sogar Wasser abweisende Vordächer aus dehnbarem Material sie überall zu sehen. Das chronische zu wenig an Farbe weicht hier fast einem ernsten Überangebot an Spektren. Wenn hier jemand etwas über die Überfälle weiß, dann die Lederer oder Zugvögel, die sich hier in den Gaststätten herumtreiben müssten. Wir betreten ein Lokal, das dem Emblem nach mit springenden Gämsen zu tun hat. Die Wirtin lädt mich und Rhuriel auf ein heißes Met ein, Marielle verzichtet, da sie sich unwohl dabei fühlt, in einem Lokal einzukehren, dessen Stühle mit Tierfellen und -häuten überzogen sind. Von der Wirtin erfahre ich, dass ich bei unserer vorrangigen Frage eine Lederin mit dem Namen Irene aufsuchen sollte. Diese könnte mir mehr über die Überfälle erzählen. Als Italienerin könnten wir sie am Südtor finden. Ich bedanke mich für den Met, segne ihre Kneipe und schenke der Wirtin zum Abschluss noch eine meiner Federn.


Am Südtor kennen die Templer Irene, oder besser Mama Irene. Sie wäre seit ihrer letzten Reise im Gasthaus zur Grünen Aue abgestiegen. Auf dem Weg dorthin streiten Rhuriel und Marielle wieder einmal. Es geht wieder um Rhuriels Konsum ihrer in Pillenform gepressten Arzneien. In den folgenden Augenblicken kommen in rascher Folge diverse Dinge zu Einsatz: Marielles Hände, beinahe ein Wassertrog, Rhuriels drahtige Arme, eine von Marielle geschwungene Wasserkelle und irgendwann auch noch Animo, das Wiesel. Beide Scharmitglieder erwarten von mir nun eine Positionsbestimmung wie ich zu all dem stünde. Ehrlich gesagt, die Situation lässt mich keine Lösung finden. Außer beiden zu erklären, dass ich die Standpunkte beider verstehe und wir uns nicht entzweien dürften über die nun schon geraume Zeit anhaltende Abfolge von Ruhe und Streit (zwischen Rhuriel und Marielle vornehmlich), kann ich nicht viel mehr beisteuern. Ich schlage vor, dass mir Rhuriel für den nächsten Tag ihre Medikamente gibt, damit sie einen Tag lang gegenüber Marielle den guten Willen bekundet, nicht derart auf die Pille als Stütze angewiesen zu sein wie Marielle behauptet. So verändert sich ein Diskurs über ein falsch appliziertes Berufsverständnis in einen für heute brüchigen Waffenstillstand meiner beiden Grazien.


In der grüne Aue finden wir Mama Irene tatsächlich vor. Sie nimmt gerade eine Mahlzeit mit einem Zugvogel ein. Jedenfalls stelle ich mir so von weitem einen Zugvogel vor. Zu unserem Leidwesen können weder Irene noch der Zugvogel Mario uns Informationen an die Hand geben, die uns voranbringen. So ist dieser Ast unglücklicherweise auch an seinem letzten Blatt angekommen.


Da der Tag sich bald von der Nacht ablösen lassen wird, reift in mir der Beschluss, dass sie noch jemand meine Wunden ansehen soll, bevor ich wie Rhuriel meine Ruhe für heute in meiner Zelle finden kann. Im Gegensatz zu Rhuriel ist Marielle nicht so müde, weswegen sie meine Schritte bis zum Lazarett begleitet. Über ihre Gegenwart bin ich sehr dankbar. Im Lazarett angekommen, muss ich mich sogleich entkleiden am Oberkörper, damit der Arzt die schlecht verheilte Wundstelle richtig versorgen kann. Er bittet mir die all zu gut bekannten Blätter zum Kauen an, wodurch ein halbwaches Dämmern einträte, aber ich verweigere die Einnahme, um Marielle nicht noch weitere Munition zu liefern. Vielleicht eine übertriebene Reaktion, da auch Marielle mitteilt, dass sie diese Form tolerierte. Die Behandlung ist schmerzhaft und erstreckt sich über viele unangenehme Augenblicke. Am Ende schlafe ich im Lazarett ein und vergesse vor abfallendem Schmerz die Welt um mich herum.


In der Nacht werde ich geweckt. Es ist wieder Marielle, die sich aus ihrer Zelle zu mir aufgemacht haben scheint. Sie teilt mir mit, dass wir zu einem Ort im Nordnordosten so schnell wie möglich aufbrechen müssten, da eine helle Feuersäule am Horizont dort zu sehen wäre. Ich raffe meine Sachen zusammen, dann fliegen wir in diese Richtung davon.


Tatsächlich brennt ein Ort, aber es handelt sich um eine Ansammlung von Gehöften vor dem von Rob und Marielle als in Flammen vermuteten Ort. Neben den brennenden Häusern, steht außerdem die Kirche lichterloh in Flammen. Der Geruch von Asche und anderem verbrannten liegt schwer in der Luft. Die Haut in meinem Gesicht wird durch die aufsteigende Hitze gereizt und spannt sich. Als wir in der Mitte der Ansiedlung landen, hören wir gedämpfte Rufe aus der Kirche. Die verdammte Tür lässt sich nicht öffnen, so das ich mich dazu gezwungen sehe, die Flammen wie erlernt als meinen Freund zu sehen, der mir nichts anhaben kann. Mit Gleichmut springe ich durch eines der Fenster in die Kirche hinein, während meine Scharmitglieder Wasser heran zu schaffen suchen. Wirklich, hier im Kircheninneren haben sich sechs Beginen und Monachen verschanzt. Ich rufe sie zu mir. Als Rhuriel und Marielle einen Korridor um das Fenster abgelöscht haben, beginnen wir mit dem Exodus aus der Kirche. Ein, zwei von den Unglücklichen kommen trotz der Bemühungen der anderen mit dem Feuer in Kontakt, aber wir können uns retten. Draußen.


Die Geretteten werden von Rhuriel versorgt. Marielle setzt ihre Kenntnisse in der Wildnis ein, um nach Spuren der Schänder zu suchen, die hier gehaust haben. Laut einer Begine ist hier eine Gruppe von Männern aufgetaucht, von denen einige gehinkt hätten. Sie hätten die Mildtätigkeit der hier ansässigen Kirchenvertreter erfahren. Aber dann wäre es zu Übergriffen gekommen und letztendlich hätten die von uns Geretteten keinen anderen Ausweg gesehen, als in die Kirche zu flüchten. Vor einer Stunde hätten die Männer den Ort verlassen und hätten hier alles in Brand gesteckt. Da Marielle keine zwingende Spur in dieser Nacht finden kann, beschließen wir, vor Ort zu bleiben und morgen die Spur aufzunehmen. Am nächsten Tag müssen wir leider erfahren, dass Leute seit gestern vermisst werden, was uns aber zusätzlichen Ansporn gibt, die Schuldigen dingfest zu machen. Als weiteres Gerücht, bevor wir gehen, wird uns noch davon erzählt, dass die Männer gestern von einem toten Engel gesprochen hätten, den sie gefunden hätten.


Wir gehen nach Süden, wohin die Spuren führen, die sich jetzt im Licht des Tages zu einer für Marielle lesbaren Fährte verbinden. Wir kommen zu einer Aufschüttung von Steinen, durch die mittig ein Stock getrieben wurde, an dessen Ende ein Hasenkopf steckt. Die Anordnung der Steine und die Information über den toten Engel lassen das Schlimmste vermuten. Nach einer kurzen Untersuchung stellt sich - beim Himmel ! - heraus, dass hier ein Urielit (un)ruht. Was ihn getötet hat und was diese Inszenierung soll – wir tappen im Dunkeln. Marielle ist es indes gelungen, die Fährte weiter zu verfolgen. Wir folgen und sehen, wie sich vor unseren Augen ein weiteres schreckliches Bild abzuzeichnen beginnt. An einem Baum sind um den Stamm Blut getränkte Seile angebracht. Sie scheinen gelockert oder irgendetwas hat an ihnen gezogen. Der ganze Ort ist so gespenstisch. Als wir uns intensiver umsehen, erhebt sich ein großer Körper aus der Erde. Ein massives Monstrum, das mit seinen vielen Beinpaaren auf uns schnurstracks zusteuert. Ich zähle vier Beinpaare, sehe einen Rücken in Form einem gedachten Halbkreises und einen Kopf, der dem einer Spinne und auch gleichzeitig leicht dem Kopf eines Maulwurfs gleicht.


Wir haben aus unseren letzten Kämpfen gelernt und retten uns in die Luft, bevor ein Angriff dieses Tiers uns trifft. Marielle deckt das Tier mit einem Pfeilhagel ein, ich kümmere mich um die immer wieder nach oben schießende Zunge dieses Scheusals, während Rhuriel mit wechselndem Erfolg uns ihre Hände auflegt und so mit der Kraft des Einen versorgt in dieser Zeit der Not.

Langsam und mit viel Bedacht zeichnet sich unser Erfolg ab. Ich lande im Kampfgetümmel wieder, um am Boden gegen das Ding zu kämpfen, das bis zu seinem Ende keinen Stich gegen mich erzielen kann.

Mit einem letzten Hieb von mir sinkt es dahin und kehrt in den Schoß des Herrn der Fliegen zurück. Marielle teilt mir mit, dass sie schon während des Kampfes gesehen hat, dass sich etwas im Hinterleib des Tieres bewegte. Mit dem Flammenschwert schneide ich den, wie ich vermute, Magen auf. Leichenteile und Gedärm kommen mir entgegen. Ich habe damit zu kämpfen, nicht meinen Magen zu entleeren. Dann kommt noch einen halb verdaute Frau hinaus. Ihre Augen, ihre Haut, alles ist nicht mehr so fest, wie man es von einem Menschen kennt, sondern befindet sich in einem Zustand, der an Gelee erinnert. Ich erlöse sie von ihren Qualen.


Hier sind Mächte am Werk, die nichts Gutes vermuten lassen. Ich habe eine neue Aufgabe. Ich werde das Andenken der Samaeliten ehren.

6.1.08 20:09

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