Über Gratianopel zum Rücken der Welt

Die Wege meiner Schar trennen sich, als ich mich von Rhuriel und Marielle in der Nähe von Nürnberg trenne. Die beiden werden wie ich in ihren Himmeln die Zeit mit weiteren Übungen und der Suche nach spirituellen Erfahrungen auf dem Weg, den der Eine weist, verbringen. Ich sehe der Zeit mit gemischten Gefühlen entgegen. Endlich werde ich Nürnberg wiedersehen, endlich muss ich meine als in Hauptsätzen gedachten Formulierungen nicht mit zur Erläuterung für manche Ohren notwendigen Nebensätzen aufblähen. Die andere Seite stellen den Umstand dar, dass ich zur Untätigkeit verurteilt bin. So unvollkommen die Welt ist, so viele Möglichkeiten bietet sie doch, das Flammenschwert zu nehmen und Recht zu sprechen. Diese Art der Segnung hat mein Herz mit Freude erfüllt.


Als ich die Ausläufer von Nürnberg erreiche, ist die frische Luft dem verbraucht wirkendem Odem des Kolosses gewichen, der sich unter meinen Schwingen abzeichnet. Andere Orden mögen über Nürnberg die Nase rümpfen, doch diese Stadt schafft es erstens, das eine überragend große Zahl von Menschen hier leben kann - und das sowohl satt wie sicher, zweitens ist der Gabrielshimmel ein Bollwerk wie kein zweites gegen die dunkle Saat.


Ich lande auf der Flugplattform, werde begrüßt, aber gleich zu den Arbeitsräumen der ehrwürdigen Em Susat zitiert. Ich verspüre eine Unsicherheit bei diesem Willkommensgeschenk. Em Susat ist so überlebensgroß, sie hat meinen Ausbildern und vielen Fras und Beginen so viele Leitsätze in den Mund gelegt; und nun soll aus dieser Legende eine mir gegenüber stehende Frau aus Fleisch und Blut werden. Selbst ein Gabrielit, der bei einer vielbeinigen und widernatürlichen Kreatur keine Miene verzieht, bliebe davon nicht ungerührt. So reduziere ich Meter um Meter bis zu ihren Räumen. Ich klopfe schließlich an der Tür, an den hinter mir befindlichen Panoramablick über Nürnberg verschwende ich dabei keinen Gedanken. Ich trete ein und werde von Karl, Em Susats Sekretär, eingewiesen. Dann ist es soweit. Em Susat empfängt mich an ihrem Schreibtisch sitzend. Ich darf ihr von den Erlebnissen meiner Schar berichten, deren letzte gemeinsame Tage sie zum Anlass nimmt, um mich über das Mißfallensschreiben von Bischof Janssen [sic] in Kenntnis zu setzen. Die ehrwürdige Susat versteht es, mir einen leichten Schauer über den Rücken zu jagen. Sollte ich mir mein erstes Makelvotiv verdient haben? Weiß der Eine, jenes würde ich bestimmt mit Freude tragen. Aber Em Susat sagt etwas anderes und äußert die gleichen Verdächtigungen gegen die Ramieliten. Es werde zunehmend schwieriger, mit unseren ramielitischen Ordensbrüdern einen zufriedenstellenden Umgang zu unterhalten. Ich würde aus diesem Grund beauftragt, eines ihrer Augen und Ohren zu werden und sie über die Aktivitäten der Ramieliten auf dem Laufenden zu halten. Sie schenkt mir überdies Manna, um meine hierzu notwendigen Auslagen zu decken. Ich danke ihr. Sie erzählt mir noch die Heldentat einer Todesschar von Gabrieliten, die ein Traumsaatwesen, das auf München marschierte und dabei große Teile Ramielisland durchquerte, zur Strecke gebracht hat.


In den nun folgenden Monaten setze ich mich in alten wie neuen Übungen mit der Frage auseinander, wie ich mein Wissen weiter konditionieren kann, um ein noch angemesseneres Werkzeug in der Vorsehung des Einen sein zu können. Ich stelle mir im besonderen die Frage, wie ich zumindest teilweise die Defizite ausgleichen kann, die ich in Hinblick auf die Ramieliten aufweise. Mehr aus Spaß wächst in mir eine Begeisterung für kleine und mittlere mechanische Strukturen. Ich denke an den Himmel zu Prag zurück, wo fast alles durch genau diese Art Technik gesteuert wurde. Ein einfacher Schlüssel durfte es damals nicht sein, alles sei gut so, wie es ist. Diese Frage beschäftigt mich in diesen Wochen aufs Neue. Ich experimentiere mit kleinen Drähten, Zahnriemen, Steckern und Ösen. Nach den ersten Erfahrungen bin ich in der Lage, kleine aber feine Fehler so in der Mechanik zu platzieren, dass sie versagt. Meine verehrten Ramieliten, passt also auf euch auf.


Zeit bleibt auch dafür, meine Augen, nachdem sie zum wiederholten Male von links nach rechts gewandert sind, mit einem flinken Haken an den Anfang einer neuen Zeile zu befördern, bis erst aus Anfang Ende und dann aus Deckel Rücken wird. Dantes Werk mag ich aber nur wenig abzugewinnen, ich liebe leichteren Stoff.


Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich vieles von dem, was in in Nürnberg zu lernen weiß, nicht lernen würde, wenn weiterhin diesen Klopfen in der Nacht da wäre. Über einen Fra komme ich an Blätter, die mir nach dem Kauen einen ungestörten Schlaf verheißen. Es ist himmlisch. So ruhig habe ich lange keine Nacht mehr in einer Zelle verbracht.


Ich vermisse den Umgang mit meiner Schar immer mehr. Um noch mehr Struktur in die von mir geführte Schar zu bekommen, spreche ich mit einem Michaelis-Armatura namens Sergio. Er offenbart mir hilfreiche Tipps, über welche Mittel ein guter Anführer verfügen muss. Nun, zumindest über eine dicke Haut verfüge ich schon dank des Waffenmeisters Roderik, der mich mit einer Parzellarrüstung und einem erstaunlich leichten Schulterschild ausstattet. Gegen den entsprechenden Obolus, natürlich.


An einem Tag, es wird sich als einer der letzten im Himmel herausstellen, werde ich in die Taufhalle gebeten. Ich muss mich nackt bis auf die Flügel entkleiden und in diesem hellen weißen Raum in das bekannte Taufbecken steigen. So, wie das Licht abgedimmt wird, gleite auch in in den Schlaf ab. Täufer heben mich aus dem Becken und bringen mich durch einen Korridor, der aus der Wand entstanden sein muss, in einen metallverkleideten Raum. Was genau dort mit mir geschieht bleibt Geisel meines Schlafes. Nach einer durchleben, schmerzvollen Ewigkeit tritt zum Abschluss der Prozedur einer der Täufer an mich heran und flüstert das Folgende in mein Ohr:


„Bedenke das Opfer der Samaeliten. Folge unserer Sache und diene dem roten Turm. Auf das die verlorenen Werte gewahrt werden mögen.“


Und dann das:


„Ultio sanguinis pro doctrina de honestas.“


Die Schmerzen klingen im Laufe des nächsten Tages ab. Ich erwache in meiner Zelle und werde die kommenden Tage damit verbringen, mich mit meinem Körper und den neu gewonnenen Fähigkeiten auseinander zu setzen.


Dann ist der Tag der Abreise gekommen. Ich verlasse Nürnberg und breche nach Gratianopel auf, zum Himmel der Raphaeliten. Deren Himmel liegt friedlich in unmittelbarer Nähe zu einem größeren Fluss, dessen Arme sich über die Stadt erstrecken. Im Norden erstreckt sich ein ausgedehntes Waldgebiet, das frische Luft hoch bis zu mir bringt. Auf mich wirkt Gratianopel surreal in den Wirren des Krieges hier mitten in Frankreich. Zu schön, um wahr zu sein.


Ein Abt Doron steht Gratianopel vor, leider hatte ich noch nicht das Vergnügen ihn zu treffen. Auch heute, als ich lande, werde ich nur freundlich an die Priorin Swantje verwiesen. In ihrem Arbeitsraum erfahre ich, dass ich noch vor Marielle hier eingetroffen bin. Rhuriel ist als Raphaelitin schon seit Monaten vor Ort, um hier ihre Ausbildung weiter zu verfolgen. Swantje sieht mir den Konsum der Blätter zwar an, ich kann sie jedoch beschwichtigen. Dann bittet sie mich, morgen wiederzukommen, um den Auftrag in der Gemeinschaft der Schar zu erhalten. Ich willige ebenso ein wie auf ihren Vorschlag, mehr Grün in meinen Speiseplan aufzunehmen.


Ich gehe nach dem Gespräch in die Mensa, wo ich Rhuriel vermute. Alsbald ist das Zusammentreffen perfekt, da auch Marielle eintrifft. Wir freuen uns, obwohl ich mir einige Aussagen zu Marielles neuem Schmusetierchem, einem Wiesel, das auf den Namen Animo abgerichtet wurde, besser hätte verkneifen sollen. Marielle scheint darüber nicht sehr erfreut zu sein. Dabei wollte ich sie doch nur ein wenig aus der Reserve locken, um dem Wiesel die Bühne unseres Tisches zu bieten. Aber Marielle belässt es bei Ankündigungen der durch das Wiesel nun offen stehenden Möglichkeiten. Nur einmal, als das Wiesel über meinen Hammerstiel springt und den Hammer gar über den Tisch zieht, bin ich milde beeindruckt.


Am nächsten Tag erhalten wir von Swantje unseren Auftrag. Um Innsbruck herum ereignen sich in letzter Zeit häufig Überfälle auf die Versorgungskonvois. Warum das so ist und wer dahinter stecken könnte, bliebe durch uns zu klären. Wir reisen zeitnah aus dem friedlichen Gratianopel ab.


Der Weg führt uns in die Alpen, in dieses massive Gebirge, das vor Urzeiten einmal von Schnee, wahrscheinlich in den Wintermonaten, bedeckt war. Unvermittelt drängt Marielle darauf zu landen, als sie unter sich einen Fluß erspäht. Wir landen und schlagen ein Lager für die Nacht auf.


Der folgende Tag sieht uns unsere Reiseroute weiter verfolgend. Die Alpen sehen von hier oben betrachtet fast menschenleer aus. Doch unter uns tut sie etwas. Eine Schar Templer wird von dunklen Umrissen angegriffen. Wir landen und sehen, dass es sich wiederum um die Traumsaat handelt. Der Form nach ähnelt das, was sich da bewegt, der Verderberlibelle, der wir auf dem Weg nach Zagreb begegnet sind. Aber der Körper ist filigraner und verfügt über zwei mächtige Scheren. Außerdem erweckt ihr Fortkommen den Anschein, als würde das Wesen vom einen zum anderen Ort springen und dabei kurz unsere Wahrnehmung verlassen. Die Gabrielistempler sind in der Defensive, so bleibt mir nur, mich mit meinem entflammenden Schwert auf die Kreaturen zu stürzen. Marielle wirkt indes eine Kraft, die sie verschwimmen lässt vor meinem Auge. Rhuriel bleibt vorerst zurück.


Es entbrennt ein schlimmer Kampf. Trotz meiner neuen Rüstung erleide ich mehr Treffer, als mir lieb sein kann. Rhuriel tut ihr bestes, um mich bei Kräften zu halten, aber irgendwann stehe ich fast vor dem Ende. Zusammen mit Marielle und den überlebenden Templern gelingt es mir, das letzte dieser Tiere zu vernichten. Einer der Templer berichtet, dass sie auf aus Tross aus sieben Mann von Nürnberg aufgebrochen sind, um Traumsaatkreaturen zu fangen, damit junge Gabrieliten wie auch ich es einst gewesen bin, daran ihre Kräfte messen konnten.


Die Bemerkung des Templers, dass wahrscheinlich nur die Gabrieliten diesen Teil der Welt richtig befrieden könnten, wird sowohl von Rhuriel wie auch Marielle als Aufforderung zur Wortmeldung interpretiert. Es kommt zu Verstimmungen. Ich beende die Diskussion mit einem Machtwort. Es reicht mir, wenn immerzu die Unzulänglichkeiten anderer Ordnen mit der angeblichen Machtgier der Gabrieliten kaschiert werden sollen.


Die vier toten Templer werden noch vor Ort bestattet. Marielle spricht einige nicht wirklich tröstliche Worte, dann machen wir uns nach einem Adieu zu den Templern auf, um Unterschlupf in einer alten, weiter oben am Berg gelegenen Hütte zu suchen.

29.12.07 14:32

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