Der Bruch mit den Ramieliten

Die Kogge gleitet sanft das Wasser teilend in den Hafen von Visby. Hier herrscht ein geschäftiges Treiben, Schiffe werden im Akkord be- oder entladen, wenn nicht beides gar zur gleichen Zeit durchgeführt wird. Die Haupteinnahmequelle der Visbier ist dem Offensichtlichen nach das mit gesundem Grün geschmückte Tannenholz, das in enormer Quantität verladen wird. Kleinere Hubkräne werden von versierten Arbeitern bedient, die Arbeitsfolgen wirken wie einstudiert. Wir machen an einem Liegeplatz fest, Taue werden von unserem Schiff zu einem der Hafenarbeiter geworfen, da kommt schon Jörge, der Hafenmeister von Visby, auf uns zu. Er heißt und mit dem Bekenntnis zum Einen willkommen in Visby. Ich erlebe wieder eine Überraschung, da ich mit einer relativ hohen Liegegebühr gerechnet habe, aber einen halben Euro für einen Tag ist dagegen verschwindend gering in meinen Augen. In welchem Verhältnis stehen da die Preise von Ingrid, ein Lächeln umspielt bei diesem Gedanken mein Gesicht.


Jörge kann uns bei unserer dringlichsten Frage weiterhelfen. Ein Schiff mit den von uns gesuchten fünf Silberscheiben als Kennung läge im Hafen. Von Stund an liegt damit eine Anspannung in der Luft. Die Frage rückt in den Vordergrund, ob es uns heute schon gelingen wird, die Strolche zu fassen, die wir verfolgen. Marielle, Ruriel und ich fassen den Entschluss, uns hier in Visby bedeckt zu halten, um unseren Widersachern keine noch so kleine Gelegenheit zu geben, uns vorzeitig zu bemerken und sich davonzustehlen. Wir entsenden Titian und Nele, die eher auf Titian Acht geben soll, damit er sein Boot identifizieren kann. Sie kommen wenig später zurück. Es ist das Boot, das wir suchen. Also legen wir uns auf die Lauer und harren dem Moment, an dem die unrechtmäßige Mannschaft an Bord zurückkehrt. Marielle übernimmt die Wacht auf einem der Dächer. Zwischen zwei Giebeln wird sie in dem Moment ihren Eulenpfeil abfeuern, wenn sie jemanden das Schiff betreten sieht. Ruriel und ich warten indes an Deck unseres Schiffs auf diesen Moment.


Marielle muss nicht lange warten, da betreten zwei Figuren das von ihr beobachtete Schiff. Sie haben Jutesäcke auf ihren Schultern. Marielle feuert ihren Eulenpfeil – jetzt fällt mir auch ein, dass es laut ihr auch Pfeile der gleichen Machart gibt, mit denen die Laute anderer Tiere zu imitieren sind – so exakt ab, dass der Pfeil kurz nach dem Überqueren unseres Schiffsdecks ins Wasser fällt. Ruriel und ich fliegen zum ehemaligen Schiff von Titian. Marielle stößt am Ende der Wegstrecke zu uns. Gemeinsam sehen wir, wie einer der beiden Unholde wild gestikulierend den anderen, der gerade unter Deck seinen Sack verstaut zu haben scheint, zu sich ruft. Dann versuchen beiden vor unseren Augen zu fliehen. Marielle schießt einen Pfeil ab und verletzt den einen schwer am Fuß. Ich lande und versuche, den anderen mit der flachen Seite meines Schwertes zu betäuben, was mir leider nicht gelingt. Als Antwort erhalte ich einen sekretartigen Auswurf in Richtung meines Gesichts gespuckt. Der Eine lässt mich den Augenblick gewinnen und mich ausweichen, bevor diese Säure auf meinen Körper treffen kann. Den Fleck, auf dem sie auftrifft, verwandelt sie zu einem zischenden und dampfenden, lebensfeindlichen Stelle. Nach einigem Hin und Her, mehr als mir als Gabrieliten lieb sein kann, bestehe ich meine Aufgabe und kann den Mann oder besser den Versuchten seinem Fliegenherrn und -meister näher bringen.


Beide Männer schaffen wir wieder an Bord. Marielle und ich untersuchen die unteren Decks, während Ruriel den zuvor von Marielle überwältigten in Schach hält. Wir finden die von den Männern getragenen Säcke recht schnell. In beiden sind die uns aus Kosnitz geläufigen Muscheln enthalten. Jetzt steht die Anklage also endlich und unwillkürlich. Ich versuche, mehr aus dem Verletzten Paktierer mit der Traumsaat zu quetschen, doch der kann nicht mehr sagen, als dass er erst heute morgen für die Aufgabe, etwas an Bord zu tragen, angeheuert wurde.


Mittlerweile ist die Meldung über die Auseinandersetzung im Hafen von Visby bis zu den Ramielitentemplern vorgedrungen. Eine Delegation, die von der hiesigen Scharlachreiterin Tamara angeführt wird, erreicht das Boot und verlangt Aufklärung. Wir schildern ihr unsere Beweggründe und was sich hier zugetragen hat. Ihrerseits weiterhelfen kann sich uns nicht. So bleiben wir ohne neue Impulse und machen uns in Ermangelung besseren Wissens daran, die übrige Landung des Schiffes einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Im Laderaum sind Holzstämme untergebracht, die bei näherer Betrachtung erst Einkerbungen offenbaren, die auf den zweiten Blick sich als Löcher herausstellen, die in den Baumstamm getrieben wurden. Die Löcher gehören jeweils zu einem Ring, der den Baum umgibt auf dem gesamten Umfang umschließt. Jeder dieser Ringe ist wiederum von dem nächsthöheren oder -niedrigerem gute viereinhalb bis fünf Fuß entfernt. Aus den untersuchten Löchern können wir Muschelschalen extrahieren. Darunter sieht es so aus – wir sägen einen Baum im Durchschnitt auf - , als befände sich eine dunkle und zähe Flüssigkeit darunter. Seltsam, werden in diesen Löchern die falschen Muscheln herangezogen? Oder wird hier etwas anderes, weitaus schlimmeres genähert? Wir wissen uns keine Antwort auf diese und andere Fragen. Die Scharlachreiterin nennt die Holzsiedlung als wahrscheinlichen Ort, von dem die gefällten Baumstämme nach Visby auf dem Landweg transportiert werden. Der Vergleich mit den Holzladungen auf anderen Schiffen führt zu dem Ergebnis, dass nur diese eine Ladung von den Löchern betroffen ist. Zumindest das ist eine gute und beruhigende Information.


Aus den spärlichen Informationen setzen wir ein rudimentäres Bild zusammen. Mit den infizierten Baumstämmen sollte Visbys Ruf ruiniert werden. Als Bonus schlüpft dann gar noch was auch immer aus den Baumstämmen – das Chaos wäre perfekt.

Wir machen uns mangels Alternativen zur Holzsiedlung auf, obwohl wir uns nicht erklären können, wie die Kogge mit dem Holz erst gestern einlaufen und heute schon wieder ablegen würde, wenn dieser perfide Plan nur von den an Bord befindlichen Personen ausgeheckt worden wäre. Anscheinend sind auch hier in Visby Agenten der Traumsaat am Werk, die einen reibungslosen Transport von Menschen, Material und Verderbnis organisieren. Sei es drum, so oder so arbeitet die Zeit gegen uns.


So fliegen wir aus Visby hinaus zur Holzsiedlung, zu der ein schmaler Pfad führt inmitten diesen dichten Nadelwaldes. Von hier oben scheint das gesunde Grün in Myriaden von Facetten durch. Die Schöpfung des Einen ist so physisch an diesem Ort der Welt, das ich es fast nicht glauben kann, dass unweit von hier die gleichen Mächte walten, denen wir inzwischen so häufig begegnet sind, die alles in ihrer infernale Vorstellung von Umwelt verwandeln möchten. Von wir fehlen, wir hier irgendwann nur Staub und bis auf den nackten Fels von der Erosion abgeschliffener Boden vorherrschen. Und dann kriechen einzig die rückradlosen Vasalen des Herrn der Fliegen. Ziemlich grausamer Gedanke bei all dem Leben, das uns in dieser Stunde umgibt. Unter uns schlängelt sich bald der Eisenweg. Diese parallel verlaufenden Eisenstangen stammen noch aus der alten Zeit. Wozu sie gedient haben, bleibt im Dunkel der Geschichte zurück.


Wir erreichen die Holzsiedlung. Der Eisenweg führt vor uns geradewegs in einen tiefen, dunklen Tunnel. Zur rechten tut sich die Siedlung auf, die aus festen Hütten wie aus provisorisch aufgestellten Hütten besteht. Am Ende des Dorfes sind die gefällten Hölzer auf verschiedenen Stößen für den weiteren Transport abgelegt. Um uns davon zu überzeugen, dass die Holzstämme auch die in Visby gesehenen Löcher aufweisen, landen wir. Und wir finden die gleichen Narben der Traumsaat im Holz. Der Arbeiter, der sich hier um alles zu kümmern scheint, rufe als er uns sieht nach Verstärkung. Fast wirkt es, als wären wir schon erwartet worden. Mehrere Männer Mit Äxten kommen auf uns zu. Der Kampf entbrennt aufs Neue. Wieder diese Versuchten, wieder die gleiche wilde blinde Wut auf uns Engel. Der Kampf wird erbittert geführt, sie nutzen ihre anfängliche Überlegenheit, die Marielles Bogen und mein geliebtes Flammenschwert aber umzukehren wissen. Zum ersten Mal erleide ich sogar einen Treffer, so dicht ist das Gewühl in den ersten kritischen Sekunden. Der vom Einen uns geschenkte Lebensfunke ist wieder einmal stärker und lässt sie uns niedermachen.


Doch zwei Männer entkommen uns vorerst und flüchten in den Tunnel, in dem es stockfinster ist. Ruriel, Marielle und ich sind uns unschlüssig, was das beste Vorgehen wäre. Einzig Marielle verfügt über eine besondere Gabe auch im Dunkeln sehen zu können. Als aus der Höhle höhnische Aussagen an mein Ort dringen, hält es mich nicht mehr, ich gehe weiter mit den anderen hinein. Eine Feuerkugel entsteht vor uns, die für Momente die Silhouette eines Mannes mit einem Rucksack oder etwas ähnlichem offenbart. In seinen Händen hält er einen einer Fackeln ähnlichen Gegenstand, der mit dem besagten Rucksack verbunden zu sein scheint. Der Feuerkugel weichen Marielle und ich so gut es in dieser beengten Umgebung eben geht aus. Ruriel wird bedauerlicherweise arg in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt ist es an der Zeit, mein Feuer zu entzünden. Wie ein Derwisch laufe ich auf die menschliche Fackel zu und teile ihn mit einem Hieb in zwei Hälften. Den merkwürdige Apparat können wir jetzt aus der Nähe betrachten. Schläuche führen von einer in der Hand zu haltenden Stab zu zwei Stahlflaschen auf dem Rücken des Trägers. Wer versorgte die Leute vor Ort mit dieser Technologie. Die Traumsaat ist dafür nicht bekannt, wer dann aber. Der Nordbund, ein Schrottbaron, eine andere weltliche Vereinigung, die auf die alten, schlechten Tugenden setzt? Unfassbar.


Weiter geht es zu einer Verzweigung im Schein meines Flammenschwertes. Der linke Tunnel ist wohl schon seit langem verschüttet, also bleibt uns nur der rechte Tunnel. Dann kommt etwas so ungeheuerliches ins Blickfeld, dass ich es erst nicht begreifen will. Vor uns entfaltet sich das bizarre Götzenbild einer Traumsaatkreatur, dessen großer Kopf den ganzen Tunnel einnimmt. Marielle läuft zurück und holt den Feuerspucker. Aus sicherer Entfernung brennen wir dann diesen Frevel hinweg. Im Feuer wird der hintere Bereich des Tunnels sichtbar. Als das Feuer an Intensität verliert, gehen wir hindurch und weiter. Wir finden unweit des Götzenbildes einen Kasten mit Drähten, der mit verbrannt ist.


Am Ende des Tunnels sehen wir, das dort mehrere Schränke und wieder diese unsäglichen Geräte stehen, mit welchen die Menschen ihren eigenen Untergang heraufbeschworen haben. Von einem Gerät führen Drähte hinauf in die Freiheit. Wir steigen deshalb die Leiter hinauf und folgen diesen Drähten, die hoch in die Krone eines Baumes führen. Ich ziehe am Draht, es raschelt und regelmäßig geformtes Metall fällt hinab. Was mag das nur sein?


Es muss Ruriel oder Marielle gewesen sein, die einen fliegenden Punkt am Horizont gemacht hat. Wir steigen alle auf, um das zu inspizieren. Marielle als Vogel unter den Engel ist schnell bei der Verfolgung und beim Aufschließen zu dem Punkt. Ruriel und insbesondere ich haben zu kämpfen, um zumindest an Marielle dranzublieben. Marielle kann unterdessen den Punkt am Horizont zu einem weiteren Versuchten werden lassen, denn sie mit gezielten Schüssen mit ihrem Bogen dem Ende zuführt. Dann kehren wir zurück, um die Schränke genauer untersuchen zu können.


Im Tunnel stellt sich heraus, das hier vorsintflutliche Waffen gemeinsam mit allerlei technischem Gerät gelagert werden. Wir machen uns daran, die Waffen zu verstören. Ein Schluss löst sich dabei unabsichtlich aus der Waffe, die ich gerade in Händen halte und fährt durch die Wand. Ich sehe mir die Eintrittsstelle der Metallkugel an und finde es. Auf den ersten Blick sieht es fast wie eine Pfeilspitze aus. Nun, wenn man die zwei Teile davon zusammensteckt. Das Ordenssymbol der Ramieliten ist von außen auf dem Ding abgebildet. Wenn ich es wieder auseinander nehme, dann wird das innen liegende schwarze Plättchen wieder sichtbar, in dem das Licht reflektierende Metallstreifen eingearbeitet sind. Das ist mir viel zu filigran, als das ich damit irgend etwas anfangen könnte. Aber ein dumpfer Verdacht, denn ich im Beisein meiner Schar noch nicht äußern möchte, beschleicht mich. Hier sind wir fertig.


Zurück ins Dorf. Nun haben wir die Zeit, uns die Häuser genauer anzusehen. Ein Wimmern dringt nach außen. Angefressen, angespornt und schwerer verletzt als ich es mir eingestehen will, reicht es mir erneut, ich trete die Tür ein. Dahinter ist eine Gruppe von Frauen und Kindern zu sehen, die nach eigenem Bekunden von ihren Männern hier eingesperrt worden sind. Ihre Männer hätten sich vor ein paar Tagen verändert und sie hier zusammengepfercht, um sie vor den Gefahren, die in der Umgebung lauern würden, zu schützen. Nachdem wir den Frauen tränenreich den Verlust ihrer Männer begreiflich gemacht haben, beschließen die Frauen zurück nach Visby zu gehen. Wir bieten unser Geleit an, bitten uns aber noch einige Minuten aus, um noch die umliegenden Häuser zu kontrollieren.


In einem Haus werden wir im Keller fündig. Dort werden in einem länglichen Raum in Kesseln, die in einer Art Kreislauf mit frischem Wasser durchspült werden, die von uns gesuchten verdorbenen Muscheln gezüchtet. Nach einem kurzen Gedankenaustausch wie sie am besten zu beseitigen wären, beschließen wir, die Muscheln mit dem in einem der Zelte gelagerten Salz zu vergiften. Dann brennen wir zur Sicherheit das Haus bis auf die Grundmauern nieder, nachdem wir aus den Kesseln das überschüssige Wasser abgelassen haben.


Wir begleiten die Frauen und Kinder wie versprochen nach Visby. Dann machen wir uns zum Armatura Halge auf. Ich möchte, auch wenn es schon Nacht ist, mit Bischof Jansen sprechen. Halge fragt nach, ob es wirklich notwendig ist, was ich bejahe. Mit gleicher Vehemenz treten wir im Bischofssitz auf, bis endlich Bischof Jansen vor uns steht. Im Morgenmantel und hinter seinem Schreibtisch sitzend, hört er unsere gesamte Geschichte an. Als Schlussnote zeige ich ihm den mit dem Ramieliten-Ordenssymbol verzierten Gegenstand. Er ist sichtlich ergriffen, könne aber nichts weiteres dazu sagen. Der Gegenstand müsse nach Prag zur Auswertung geschickt werden. Dann verschwindet der Gegenstand in einer der Schubladen und für Bischof Jansen scheint die Sache erledigt. Das heizt mich an. Ich werfe ihm Dinge, die man besser nicht einem Bischof gegenüber äußert, an den Kopf. Könnte es gar sein, dass Ramieliten mit dem Nordbund zusammenarbeiten und so ungewollt sogar der Traumsaat zuspielen? Ich rede mich in Rage und breche fast endgültig den Stab über den Ramieliten, so stark ist mein Grimm. Ich bin wie in den Rücken gestochen von den Ramieliten. Es scheint so, dass das, was wir auf der einen Seite abtöten können, von manchem Akt der Ramieliten wieder zunichte gemacht wird. Diese verdammten Bücherwürmer, die alles besser wissen müssen. Wenn ich erfahre, das einer meiner Schar oder einer meiner Ordensbrüder deshalb versehrt oder getötet wurde oder wird, dann ist es mit der Gewähr für meine Selbstbeherrschung vorbei. Das teile ich auch dem Bischof mit. Diesem ist im Laufe meiner Ausführungen die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Einzig noch der Befehl, das wir uns in unseren jeweiligen Himmeln einfinden sollen, kommt ihm über die Lippen, zudem willigt er ein, unsere Ausgaben zu kompensieren, so dass jeder von uns Manna im Gegenwert von fünfhundert Euro erhält.


Wir gehen als Schar auseinander und ich begebe mich auf den Weg nach Nürnberg. Vereinbarungsgemäß wollen wir uns im Himmel der Raffaeliten wiedersehen, in Gratianopel...

25.12.07 21:00

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