Der Seeweg nach Visby

Die Nordsee ist so rau wie an den meisten Tagen. Das friedliche Wesen eines Binnenmeeres büßte sie meines Wissens nach in vorsintflutlichen Zeiten ein, bevor die Angelitische Kirche die Welt neu ordnete. Das Wasser muss auf das flache Land als ein Fanal von Sturmflut getroffen sein. Verrückt, die Menschen mit all ihrer Technologie, mit dem von ihnen immer wieder geäußerten Bekenntnis zur solidarischen Gemeinschaft, konnten es nicht aufhalten. Ich weiß zu wenig über die Geschichte des „Davor“, um eine präzisere Beurteilung abgeben zu können, aber ein Fakt bleibt die Tatsache, dass das, was letztendlich zu diesem wilden Meer führte, wieder aufflammen dürfte, wenn es die Kirche nicht gäbe. Ich glaube, das Hauptproblem der Menschen besteht darin, dass sie eine ganz eigene Idee von Allmacht entwickeln, sobald sie sich sicher genug fühlen, selbst wenn dieses Gefühl so trügerisch daher kommt wie im vergangenen Zeitalter. Sie brauchen ein Gefühl der Unvollkommenheit und einer funktionierenden Autorität, um sich nicht im nächsten zerstörerischen Akt ihres Schauspiels zu ergehen.


Die Templer haben indes gut aufgefasst, dass ich ihnen bei unserem letzten Besuch vor unserer Abfahrt in der Garnison mitgeteilt habe, dass wir unter Umständen auf Traumsaat treffen. Nun, ich kenne Gabrielitentempler. Sie sind aus dem gleichen massiven Holz wie wir Engel. Einige von ihnen speien zwar ihr Essen über Bord, aber das ist kein Indiz dafür, dass sie auf welche Art auch immer verängstigt wären.


Die Zeit der Überfahrt nutze ich, um mit dem Steuermann Claus ins Gespräch zu kommen. Claus befährt die Gewässer der Nordsee schon seit 15 Jahren, so dass ihn seine Frau und die Kinder nicht oft zu Gesicht bekommen. Für ihn ist es ein Novum, dass er so lange und so nah mit Engel gemeinsame Zeit verbringt, kein Engel hätte je ihn und seine Familie in Urbs Lipsia besucht. Ich bin angetan vom Steuern des Schiffes und darf kurzzeitig, nachdem mir Claus die wichtigsten Dinge erklärt hat, selbst einmal das Steuer ergreifen und nach Steuerbord abdrehen. Ein herrliches Gefühl mit dem schneidenden Wind der Nordsee. Außerdem lässt mich Claus eine Portion seines Pfeifenkrauts rauchen. Darüber mokiert sich Marielle, aber warum alles auslassen, was wenn dann nur mir selbst zu Schaden gereicht?!


In der Nacht zum dritten Tag unserer Reise poltert es an Deck. Wir, schlaftrunken, machen uns an Deck auf. Die Aufbauten des Vorderschiffs erreichend, sehen wir, was den Lärm verursacht hat. Zwei Riesenkrebsen ähnliche Ausgeburten der Traumsaat haben allem Anschein nach einen Templer über Bord geworfen. Ein zweiter wird just in diesem Moment von einem der beiden Riesenkrebse bedrängt. Im Lichtschein der beiden an Deck angebrachten Lampen kann ich einen besseren Blick auf die beiden schrecklichen Widersacher erhaschen. Ich meine von dieser Unart als Seemahren gehört zu haben. Wiederum ist die Zeit für ein raschen Handeln kommen. Ich entzünde mein Flammenschwert, während sich Marielle mit ihrem Bogen daran macht, die Panzer der Tier zu durchdringen. Ich suche mir Deckung hinter einem der Masten, um diesen scharfen Scheren auszuweichen, was mir auch während des ganzen Kampfes gelingen soll. Eine haarige Situation beginnt sich an die andere zu Reihen, ich fürchte um die Leben der Templer, die sich selbstlos den Tieren in den Weg stellen. Ruriel wirkt verschiedene ihrer wunderbaren Kräfte, die mich gekräftigt durch ihre Fingerspitzen, mit größerer Wucht zuschlagen lassen. Es mag nicht viel Sand durch Claus' Uhr gelaufen sein, aber bald liegen diese Kreaturen tot auf Deck. Uns bleibt nicht viel anderes übrig, als uns um die Verletzten zu kümmern, die es überleben werden. Nur ein Mann ist verschollen. Marielle und ich starten, um nach ihm zu suchen, doch er bleibt auf See zurück.


Unser Glück im Unglück wird durch eine glückliche Fügung weiter aufgewertet, als Marielle am Hinterleib der Seemahren wie sie es nennt Feuerschwämme findet, eine ihrer Aussage zufolge wertvolle Ressource, für die in den richtigen Kreisen viel Geld geboten wird.


Tags darauf erreichen wir Visby auf Gotaland, um dort im Hafen unsere Suche nach einem Schiff zu beginnen, das laut Titian durch fünf handgroße reflektierenden Silberscheiben zu finden sei.

24.12.07 01:15

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