Urbs Lipsia

Wir steigen langsam hinab nach Urbs Lipsia. Ich möchte es nicht beschreien, aber insgeheim habe ich mir die Stadt imposanter vorgestellt. Nürnberg ist gottgegeben größer, aber eine Stadt, die von sich behaupten kann, die Neue Hanse mit ihrer Hauptvertretung zu beherbergen, sollte einfach...anders aussehen und sich damit eine andere Außenwirkung geben. Gar scheint es, als wäre Urbs Lipsia irgendwann dem Umstand geschuldet entstanden, dass ein paar Heimatlose aus schierer Erschöpfung an diesem Ort zu siedeln beschlossen hätten. Wahrhaft keine Tatsache, mit der man öffentlich hausieren geht. Wir setzen auf der Landeplattform dieser durch die Nordsee geprägten und mit Sicherheit auch geplagten Stadt auf. Ein letzter Blick in den Abendhimmel lässt das gesellschaftliche Gefälle erahnen, das die Wohnviertel voneinander trennt. Im Westen, unweit des Hafens, die einfachen, mitgenommenen Hütten und Häuser der einfachen Menschen, im Osten dagegen die prächtigeren Häuser und Villen der vermögenderen Einwohner. Das obere Ende ist durch die neue Hanse gekennzeichnet, die auf der östlichen Hafenseite ihr Quartier bezogen hat.


Wir werden von einer Begine begrüßt und willkommen geheißen. Nach dem Austausch netter Worte bringt sie uns zur obersten gabrielitischen Repräsentantin, Stella. Stella ist eine Frau im fortgeschrittenen Alter und, wie sie uns im Verlauf mitteilt, Mutter dreier Kinder, ihren Dienst am Einen hat sie somit schon mehr als erfüllt. Ein bemerkenswertes Leben auch, da die stringenten Tagesabläufe über diese vielen Tage ihren Tribut gefordert haben dürfen. Sie ist über den Grund unseres heurigen Besuchs angetan. Die möglichen Konsequenzen können ihrer Meinung nach eine ganze Menge Staub aufwirbeln. Folgerichtig bittet sie um absolute Diskretion bei unseren Nachforschungen mit Hinblick auf die Ereignisse in Kosnitz.


Ein Ereignis ganz anderer Art findet den Worten Stellas zufolge morgen stand: Das Fischerstechen. Das klingt in meinen Augen wie Poesie, wie nach einem Rohdiamanten, den man unvermittelt im Staub der Erde findet. Eine Volksmär, die den Sprung zu einer lebendigen Tradition geschafft hat. Die Menschen in diesen Zeiten haben nicht viel Erfreuliches, von dem sie sich inspirieren lassen können, das Fischerstechen ist eines der wenigen Dinge, die den Kreislauf der Monotonie durchbrechen. Im Kern geht es bei dem Fest der Sage nach um zwei Brüder, Fischer, die sich über die gemeinsame Liebe zu einer Frau entzweien, weil jeder von beiden die Frau für sich beansprucht. Sie steigern sich mehr und immer mehr in Rage und gehen am Ende gar mit Stangen, auf ihren jeweiligen Boot stehend, aufeinander los. Plötzlich taucht eine Traumsaatkreatur auf und greift die beiden Brüder an. Die Brüder erkennen, dass sie nur eine Aussicht auf Erfolg gegen dieses Ungetüm haben, wenn sie ihre Differenzen beiseite legen. So beschlossen, prügeln sie das unnatürliche Leben aus dem Vieh. Beide Brüder beschließen, sie nie wieder wegen einer einzigen Frau so anzufahren. Diese Geschichte bildet die Grundlage dafür, dass sich die mutigsten Männer in jedem Jahr, am Bug ihres Bootes stehend, mit Stangen duellieren. Ziel dabei ist, seinen Gegner mit der Stange so zu treffen, dass dieser von seinem Boot fällt. Klingt nach Prestige, das muss ich bewundernd anerkennen. Engel treten nicht gegen Menschen an, dürfen wohl gegen andere Engel antreten.


Stella wir selbst beim Fischerstechen nicht anwesend sein, da sich der Termin mit dem Lanzenfest in Jena überschneidet. Wir danken ihr für den freundlichen Empfang und nehmen unsere Untersuchungen auf. Auf dem Flur treffen wir auf eine andere Engelsschar, die von Asamel, einem Michaeliten, angeführt wird. Es kommt zu einem Austausch von Informationen und Gedanken. Die andere Schar hat im sehnlichst von mir erwarteten Frankreich gekämpft, gegen die Traumsaat in vorderster Front. Allesamt weisen alle Engel der Schar mehr Tätowierungen als meine Schar auf. Was müssen sie schon alles erlebt haben? Wenn sie die bisherigen Jahre in dieser Konstellation überstanden haben, dann ist dieser Michaelit nicht aus dem schlechtesten Holz geschnitzt. Ein größeres Wunder ist noch das Überleben des Ramieliten, der nicht nur überspannt wird, sondern auch noch auf den Furcht einflössenden Namen Sumsael hört. Wir gehen als Freunde auseinander.


Fliegend sind wir nur kurz zum Hafenviertel unterwegs. Fünf Schiffe liegen vor Anker, hektische Betriebsamkeit zeugt vom engen Versorgungsverbund, auf den die Nordseeanrainer angewiesen sind. Mit Anna ist die Hafenmeisterin schnell gefunden. Der Eine hat ihr ein Kind geschenkt, das sie begleitet, ein zweites ist dem Augenschein nach unterwegs. Sie kann uns nicht bei der Suche nach unserem Schiff helfen. Ich unterhalte mich noch mit der Besatzung eines Schiffes, das aus Frankreich stammt, dann verfolgen wir Marielles Plan näher, um zu Resultaten zu kommen. Marielle hat vorgeschlagen, dass wir die Liebesdienerinnen befragen, die mit als erste mit den Männern der eintreffenden Besatzungen auf ihre Weise zu tun haben. Ein zweifelhaftes Gewerbe, aber warum nicht den fast verlorenen Frauen eine Gelegenheit geben, sich für die Sache des Einen einzusetzen. Wir gehen zu den Lagerhallen im Osten. Dort stehen die, die nur mit ihrem Körper Profit machen können. Eine der Dirnen, ich nenne sie den Ereignissen vorgreifend Maria, lässt eine lästerlichen Einwurf aus ihrem Mund entweichen. Ruriel reagiert als erste und geht ohne Umschweife auf die Frau los. Ich halte mich zurück und nehme erst an der weiteren Konversation teil, als ersichtlich wird, dass Ruriel es nicht bei einem einfachen Widerspruch lassen wird. Strafe muss sein, auch weil ich es nicht anders entscheiden kann. Es handelt sich um einen Schmähruf gegen den Einen, dafür muss sie die Verantwortung übernehmen. Wir bringen sie zur hiesigen Garnison, wo Maria bis zu einem Urteil inhaftiert werden soll.


Nachdem wir Maria in die Hände der Templer überstellt haben, begrüßt die Armatura Nele. Nele ist eine groß gewachsene, blonde Frau, die über eine bestechend aggressive Ausstrahlung verfügt, denn über eine offen liegende Attraktivität. Sie erkundigt sich nach dem Grund unserer Anwesenheit in Urbs Lipsia. Wir teilen mit, dass wir nach einem Mann suchen, der Titian heißt. Ja, einen Titian kenne sie, aber der müsse sich morgen vor dem Gericht und entgegen der Neuen Hanse als Ankläger verteidigen. Er habe ein Schiff auf See verloren, dessen sei er angeklagt. Ich bin nun eher verwirkt als voller Freude auf das absehbare Treffen mit diesem Titian. Alle Pfade, die wir bisher verfolgt haben, werden mit dieser Information länger bis zu ihrem Ziel. Verdammt, könnte es nicht zur Abwechslung einfach sein. Gut, dann werden wir also nach dem Fischerstechen morgen zur Verhandlung gehen.


Wir kehren zurück in die Abtei in die uns zugewiesenen Schlafzellen. Ich für meinen Teil durchlebe eine ruhige Nacht. Kein Klicken kann in diesen Stunden meinen gesunden Schlaf stören. Am nächsten Tag bereiten wir uns auf den Besuch des Fischerstechens vor. Nach einer köstlichen Speise, die hauptsächlich auf Reis als Grundlage basierte, machen wir uns zu den Fischteichen auf, wo das Stechen stattfindet. Die ersten Duelle haben anscheinend schon einen Sieger gesehen. Das Publikum verfolgt die Auseinandersetzungen zwischen den zwei Parteien von einer provisorischen Erdtribüne aus. Bisher wirkt das Publikum allerdings kaum voller Euphorie. Vielleicht liegt das daran, das Bischöfin Stellas Protégè Jerome die Kämpfe dominiert. Asamels Schar ist auch hier. Nun, dann können wir dem Publikum das geforderte Spektakel bieten. Nele, die abseits die Kämpfe verfolgt, legt den Modus fest. Danach losen wir aus, wer gegen wenn antritt. Zuerst ist Marielle diejenige, die auf ihren Gegner warten muss. Es wird der Urielit aus Asamels Schar gezogen. Beiden steigen auf ihre zugeteilten Boote und machen sich bereit. Die Boote legen ab, entfernen sich voneinander, nur um dann aufeinander zuzufahren. Ein schneller Stoß des anderen Urieliten und Marielle steht vor der Wahl, ins Wasser und fallen, wie es Usus ist, oder sich in die Luft zu erheben wie ein Engel. Ihre Entscheidung fällt auf die erste Wahl, ich bin stolz auf sie. Dann ist Ruriel an der Reihe. Asamel soll ihr Schicksal werden. Als sich die Stangen von Ruriel und Asamel begegnen und Asamels Stange ihre Seite mit voller Wucht triff, gleitet sie betäubt erst mit ihrem schönen Gesicht auf den Steg, auf dem sie steht, dann fällt auch sie ins Wasser. Ich springe in die Luft und fliege zu ihr. Auch Asamel hilft dabei mit, ihren tauben Körper aus dem Wasser zu fischen. Es gelingt, sie ans Ufer zu bringen und zu stabilisieren.


Nun ist es an mir, das Ergebnis aus unserer Sicht zu verbessern. Ich ziehe Sumsael, den Ramieliten, der nicht begeistert zu sein scheint. Aber ich empfinde es als gerechte Wahl, in Frankreich besteht schließlich auch keine Wahlfreiheit bei der Art der Traumsaatkreaturen. Der Kampf ist vorbei, bevor er richtig angefangen hat. Meine Vermutung, dass der Ramielit ein Kandidat für die zweite und jede folgende Reihe ist, bestätigt sich, als er ungelenk erst von meiner Stange getroffen wird und dann Bekanntschaft mit dem Wasser schließt.


Dem Publikum ist das zu einfach. Es hält sich mit Applaus zurück. So fordere ich noch den Gabrieliten der Schar von Asamel heraus, Daniel. Ich sehe diesem Kampf mit wachsendem Elan entgegen. Es ist anders, einem waschechtem Kämpfer gegenüber zu treten als einem lebenden Buchrücken. Daniels erster Schlag trifft mich unvorbereitet. Der Schmerz schießt mir durch den Körper. Exzellenter Schlag, mein Ordensbruder. Wieder kommt sein Boot auf mich zu. Wieder diese eine Finte zu viel und ich werde wieder getroffen. Die Luft geht mir langsam aus. Einen nochmaligen Hieb werden ich nicht stehend nachfolgend erleben. Das Blatt wendet sich im dritten Durchgang. Mehr instinktiv als berechnend handelnd, stoße ich meine Stange in seinen Leib, auf dass ich von zwei verblüfften Augen angestarrt werde. Daniel fällt ins Wasser. Ich streiche den Lohn der Mühe ein und lasse mich feiern von der Meute. Ihre Tänze erlebe ich nur noch am Rande, denn Ruriel und Marielle benötigen Heilung.


Am Abend machen wir uns in einem besseren Licht zu Titians Verhandlung auf. Von unseren Anwesenheit ist man überrascht. Engel ziehen sonst ihr absolutes Urteil dem einer Gerichtsverhandlung vor. Titians Hände sind durc dicke Seile fixiert. Er beteuert seine Unschuld mit Vehemenz. Dann erscheint Johannes von der Neuen Hanse in Begleitung von zwei Wachen. Die Anklage wird verlesen und das Verfahren beginnt. Nachdem sich Johannes geäußert hat, ergreife ich das Wort. Ich erkundige mich danach, ob Johannes jede Schiffsreise persönlich mit seinem Kürzel absegnet. Als da bejaht wird, verlange ich die Aufzeichnungen der Neuen Hanse zu sehen, um die Schrift mit der auf dem Brief abzugleichen, den wir beim Müller in Kosnitz gefunden haben. Dem wird entsprochen. Ein Vergleich verläuft negativ. Ich sehe nun die Notwendigkeit, mich zu erklären; dass wir vermuten, das jemand von der Neuen Hanse hinter den Geschehnissen in und um Kosnitz stecken würde. Dem stehen Titians Aussage, dass er von den Passagieren seines Schiffes kurz nach dem Auslaufen überwältigt wurde und nun der negative Abgleich der beiden Schriftbilder gegenüber.


Als positiver Kontrapunkt steht am Ende die Vereinbarung, dass wir mit einem Schiff im Auftrag des Gerichts und der Neuen Hanse nach Titians verlorenem Schiff und gleichzeitig damit nach den Männern suchen werden, die allem Anschein nach den östlichen Nordseeraum destabilisieren wollen. Eine Mannschaft soll bis morgen zusammengestellt werden, zudem werden wir Nele und einige Templer mitnehmen und darüber hinaus auch Titian, damit er sein Schiff und die Personen identifiziert, die als Agenten des Bösen aufgetreten sind.


Die Zeit bis zum Auslaufen verbringen wird damit, unsere Kriegswerkzeuge bei Ingrid, einer Waffenhändlerin auf dem Markt von Urbs Lipsia, auf Basis der Empfehlung von Nele aufzubessern. Für mich ist nicht wirklich etwas dabei, was ich mir auch leisten kann. Es hat in der Welt seiner Menschen Preis, ein Leben auszulöschen. Wäre nicht die Traumsaat, wäre ein jeglicher Wucher auch gerechtfertigt, aber beim Einen, niemand kennt die Klauen und die Zähne, die auf uns warten. Marielle würde fast ihren Urieliten-Komposit-Langbogen versetzen, aber Ruriel ruft sie noch rechtzeitig zur Ordnung. Anstatt dessen erwirbt sie zwei seltene Urielitenpfeile, einen Jagdpfeil und einen Pfeil, der Tierlaute von sich geben kann.


Dann ist unsere Abreise gekommen. Dem Sohn der Hafenmeisterin drücke ich noch eine Feder von mir in die Hand, dann reisen wir mit guten Winden in Richtung Gotaland ab.

23.12.07 23:06

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